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Akustikusneurinom/ Vestibularisschwannom

Das Akustikusneurinom – medizinisch korrekt als Vestibularisschwannom bezeichnet – ist ein gutartiger Tumor, der aus den Schwann-Zellen des Nervus vestibularis (Gleichgewichtsnerv) entsteht. Der Begriff „Akustikusneurinom“ ist historisch gebräuchlich, aber anatomisch ungenau: Der Tumor geht nicht vom Hörnerv (N. cochlearis), sondern vom Gleichgewichtsnerv (N. vestibularis) aus. Akustikusneurinome sind die häufigsten Tumoren des inneren Gehörgangs und des Kleinhirnbrückenwinkels und machen etwa 80 % aller dort vorkommenden Tumoren aus. Sie werden nach der WHO-Klassifikation als Grad-1-Tumoren eingestuft und sind in der Regel gutartig.

Die Inzidenz beträgt ca. 1–1,5 pro 100.000 Einwohner und Jahr; die Erkrankung tritt am häufigsten in der 4. bis 6. Lebensdekade auf. Frauen und Männer sind hierbei gleich häufig betroffen. Das Wachstum ist sehr langsam und beträgt durchschnittlich 1–2 mm pro Jahr; in etwa 40 % der Fälle ist kein Wachstum nachweisbar. Akustikusneurinome entstehen überwiegend sporadisch; ein bilaterales Auftreten ist typisch für eine

Neurofibromatose Typ 2 (NF2) - eine genetische Erkrankung, bei der Vestibularisschwannome beidseitig auftreten können, häufig bereits in jüngerem Alter.

Stadieneinteilung nach Koos

Die klinisch etablierte Koos-Klassifikation beschreibt vier Stadien nach Tumorgröße und Lagebeziehung zu Nachbarstrukturen:

  • Stadium I – Stadium I – intrameataler Tumor (nur im inneren Gehörgang; ≤ 10 mm)
  • Stadium II – geringes intrakranielles Wachstum ohne Hirnstammkontakt (11–20 mm)
  • Stadium III – Tumor im Kleinhirnbrückenwinkel mit Hirnstammkontakt (21–30 mm)
  • Stadium IV – großer Tumor mit Hirnstamm-/Kleinhirnkompression (> 30 mm)

Symptome und deren Entstehung

Die Symptome eines Akustikusneurinoms entstehen durch die mechanische Kompression oder Infiltration der direkt benachbarten Hirnnerven und Strukturen im inneren Gehörgang sowie im Kleinhirnbrückenwinkel. Die Ausprägung der Beschwerden korreliert häufig – aber nicht immer – mit der Tumorgröße.

  • Einseitiger Hörverlust (~95 %) – das häufigste Symptom. Meist schleichend progredient; oft beginnend als Hochtonverlust; seltener als plötzlicher Hörverlust
  • Tinnitus (~70 %) – einseitiges, anhaltendes Ohrgeräusch, häufig als Hochtonpfeifen; oft das erste bemerkte Symptom
  • Gleichgewichtsstörungen/Schwindel – Gangunsicherheit oder Drehschwindel durch Ausfall des vestibulären Organs oder Kompression vestibulärer Fasern
  • Taubheitsgefühl im Gesicht – Kompression des Nervus Trigeminus (V. Hirnnerv) bei größeren Tumoren; Kribbeln oder Taubheit in einer Gesichtshälfte
  • Fazialisparese – der Nervus Fazialis (VII. Hirnnerv) verläuft anatomisch direkt neben dem Nervus Vestibulocochlearis; bei sehr großen Tumoren oder als OP-Komplikation kann es zur Gesichtsschwäche kommen
  • Kopfschmerzen, Übelkeit – bei großen Tumoren mit Hirnstammkompression oder Liquorabflussstörung (Hydrozephalus)
  • Selten – Dysphagie, Stimmveränderungen bei sehr großen Tumoren durch Kompression der Hirnnerven IX, X und XI
  • Einseitiger Tinnitus oder Gleichgewichtsstörungen ohne erkennbare Ursache sollten immer zur MRT-Abklärung führen

Diagnose

Die Diagnose eines Akustikusneurinoms wird heute hauptsächlich bildgebend gestellt. Die Kombination aus MRT und audiologischer Diagnostik ermöglicht eine zuverlässige Stadieneinteilung und ist die Grundlage für jeden Therapieentscheid.

MRT des Schädels und des inneren Gehörgangs mit Gadolinium-Kontrastmittel (Methode der Wahl)
  • T1-Sequenzen mit Kontrastmittel – intensive Anreicherung des Tumors
  • CISS- oder FIESTA-Sequenzen ohne Kontrastmittel ermöglichen die Darstellung der Hirnnerven im Liquor.
  • Tumor im Meatus acusticus internus mit Ausdehnung in den Kleinhirnbrückenwinkel („Ice-Cream-Cone-Zeichen“)
Audiometrie
  • Reintonaudiogramm und Sprachverständlichkeitstest dokumentieren das Ausgangsgehör.
  • Bilden die Basis für den Therapieentscheid
  • Gardner-Robertson-Klassifikation teilt das Hörvermögen in Grade I–V ein
  • Grad I–II gilt als „serviceable hearing“ (klinisch nutzbares Hören) und ist bei der Radiochirurgie ein zentrales Schutzkriterium
Hirnstammaudiometrie (BERA/ABR)
  • Messung akustisch evozierter Potenziale des Hirnstamms
  • Zeigt charakteristische Latenzzeitverlängerungen der Wellen I–III
  • Gilt als sensitives Frühzeichen einer Kompression des N. vestibulocochlearis
Gleichgewichtsuntersuchung
  • Kalorische Testung und VEMP (Vestibulär evozierte myogene Potenziale)
  • Quantifizieren das Ausmaß der vestibulären Schädigung
  • Sind für die Verlaufsbeurteilung relevant
CT
  • Bei MRT-Kontraindikation
  • Darstellung der Knochenkanäle
  • Weniger sensitiv für Weichteile
Schädel-Basis-MRT mit Dünnschicht
  • Ausschluss bilateraler Tumoren (NF2)

Behandlungsmöglichkeiten

„Watch & Wait“ (aktive Beobachtung)
  • Bei kleinen Tumoren (Koos I–II)
  • Bei asymptomatischen Tumoren ohne Wachstum
  • Jährliche MRT-Kontrollen
  • Therapie bei nachgewiesenem Wachstum
  • Besonders geeignet für ältere Patienten und Patienten, die am besserhörenden Ohr betroffen sind
Radiochirurgie
  • CyberKnife und ZAP-X
  • Tumorkontrolle (93–97 %) nach 10 Jahren
  • Fazialiserhalt >97 %
  • Ambulant ohne Narkose
  • 1–5 Sitzungen
  • Standard bei Koos I–III
Mikrochirurgische Resektion
  • Neurochirurgische Entfernung über einen retrosigmoidalen, translabyrinthären oder Zugang über die mittlere Schädelgrube.
  • Bei großen Tumoren (Koos IV) mit Hirnstammkompression
  • Risiken: Gehörverlust und/oder Fazialisparese
  • Postoperative radiochirurgische Behandlung bei Restbefund möglich
Kombiniertes Vorgehen
  • Chirurgische Reduktion des Tumorvolumens mit anschließender CyberKnife-Behandlung bei sehr großen Tumoren
  • Schützt den Hirnstamm vor Druck bei gleichzeitig hoher lokaler Kontrolle durch die Strahlung

CyberKnife & ZAP-X

Die Radiochirurgie ist heute bei Koos-Stadium I–III die am häufigsten eingesetzte Behandlungsmodalität für Akustikusneurinome weltweit – mit über 30 Jahren klinischer Erfahrung und exzellent dokumentierten Langzeitergebnissen.

Das ERCM kombiniert zwei komplementäre Systeme für optimale Präzision.

Sinnvoll bei:
  • Koos-Stadium I–III (Tumor bis ca. 3 cm)
  • Wachstumsnachweis im MRT-Verlauf
  • Serviceable hearing (Gardner-Robertson I–II) mit dem Ziel des Hörerhaltes
  • Älteren oder multimorbiden Patienten mit erhöhtem OP-Risiko
  • Einzigem hörenden Ohr
  • Neurofibromatose Typ 2 (NF2) mit bilateralem Befall
  • Ablehnung der Operation durch den Patienten


ZAP-X

Das ZAP-X wurde speziell für intrakranielle Indikationen entwickelt. Der gyroskopische Aufbau ermöglicht die Bestrahlung aus zahlreichen Richtungen entlang einer kugelförmigen Geometrie um den Kopf, ohne die Tischposition verändern zu müssen. Dies ermöglicht eine außergewöhnlich konformale Dosisverteilung um den Tumor – mit steilem Dosisabfall zum angrenzenden Nervus Fazialis, Nervus Cochlearis und Hirnstamm.


Eine aktuelle Studie vergleicht die radiochirurgische Therapie mit der Wait-and-Scan-Strategie. Hier zeigt sich eine bessere Tumorkontrolle, vergleichbare Hörerhaltungsraten und ein deutlich geringeres Risiko für neurologische Defizite oder funktionelle Störungen. Diese Ergebnisse unterstreichen die große Sicherheit und hervorragende Wirksamkeit der Radiochirurgie bei der Behandlung des Akustikusneurinoms.

Unser Behandlungskonzept

  • Interdisziplinäres Tumorboard: HNO, Neurochirurgie, Strahlentherapie, Neuroradiologie
  • Vollständiges audiologisches Ausgangs-Assessment vor Therapieentscheid
  • Koos-Stadienbestimmung als Basis der Therapiewahl
  • MRT-basierte Planung: CISS/T1+KM-Fusion; Konturierung von Cochlea, Nervus Fazialis und Hirnstamm
  • Hörerhalt als prioritäres Ziel bei serviceable hearing (Gardner-Robertson I–II)
  • Ambulante Durchführung: 1–5 Sitzungen, keine Narkose, kein stationärer Aufenthalt
  • Nachsorge: MRT nach 6 Monaten, 12 Monaten, dann jährlich; Audiometrie begleitend

Im dargestellten Fall konnte durch die CyberKnife-Behandlung (Bild links) nicht nur das Tumorwachstum gestoppt werden, sondern das Akustikusneurinom wurde mit der Zeit auch deutlich kleiner (Bild Mitte).

Im weiteren Verlauf (Bild rechts) ist die Raumforderung kaum noch zu sehen.

Mehr Informationen zur Radiochirurgie sowie Patientenfeedback finden Sie auf der Website der Selbsthilfegruppe Vereinigung Akustikus Neurinom e.V.

22 Publikationen

Häufige Fragen

Beide Begriffe bezeichnen exakt denselben Tumor. „Akustikusneurinom“ ist der historisch gebräuchliche Patientenname. Medizinisch korrekt heißt er Vestibularisschwannom, da der Tumor aus Schwann-Zellen des N. vestibularis (Gleichgewichtsnerv) entsteht – nicht aus dem N. cochlearis (Hörnerv), was der Begriff „Akustikusneurinom“ suggerieren würde.

Tumorkontrollraten von 93–97 % nach 10 Jahren werden in großen Serien berichtet. Der N. facialis bleibt in über 97 % der Fälle vollständig funktionstüchtig. Das Hörvermögen kann – bei noch erhaltenem Gehör vor der Behandlung – in ~50–70 % der Fälle stabilisiert werden. Diese Ergebnisse sind mit denen der neurochirurgischen Resektion bei Koos-Stadium I–III vergleichbar, jedoch ohne das chirurgische Risiko.


Eine temporäre Volumenzunahme nach radiochirurgischer Behandlung – sogenannte Pseudoprogression oder transientes Anschwellen – ist in ~30–50 % der Fälle in den ersten 1–2 Jahren zu beobachten und sollte nicht mit einem Therapieversagen verwechselt werden. Dieser Effekt – bedingt durch Ödem und zentrale Tumornekrose – bildet sich typischerweise von selbst zurück. Erst ein anhaltend progredientes Wachstum über 2–3 Jahre gilt als Zeichen eines Therapieversagens.

NF2 ist eine seltene erbliche Erkrankung (Mutation des NF2-Gens, Chromosom 22), bei der sich bilateral Akustikusneurinome entwickeln. Dies ist eine besondere Herausforderung, da Taubheit auf beiden Ohren droht. Die Radiochirurgie kann bei NF2 eingesetzt werden, um das Tumorwachstum zu kontrollieren und das Hörvermögen so lange wie möglich zu erhalten, ohne operativ die Nerven zu gefährden.

Schwerwiegende Nebenwirkungen sind selten. Mögliche Reaktionen sind:

  • Vorübergehende Übelkeit oder Schwindel in den ersten Tagen (~10–15 %)
  • Transientes Anschwellen des Tumors mit kurzzeitiger Zunahme von Schwindel oder Tinnitus (~20–30 %)
  • Hörminderung (~30–50 %), überwiegend moderat
  • Fazialisparese nach CyberKnife-Behandlung (< 3 %), typischerweise reversibel
  • Trigeminusneuralgie/Gesichtstaubheit (< 5 %)

Ob eine Operation oder eine Radiochirurgie die bessere Behandlung ist, hängt vor allem von der Größe und Lage des Tumors, den bestehenden Beschwerden, dem Hörvermögen sowie vom Alter und Gesundheitszustand des Patienten ab.

Bei kleinen und mittelgroßen Akustikusneurinomen (Koos I–III) bietet die Radiochirurgie mit CyberKnife oder ZAP-X sehr hohe langfristige Tumorkontrollraten, ohne dass eine Operation oder Vollnarkose erforderlich ist. Ein wesentlicher Vorteil ist die geringe Belastung der umliegenden Hirnnerven, insbesondere des Gesichtsnervs und des Hörnervs.

Eine mikrochirurgische Operation ist insbesondere bei sehr großen Tumoren (Koos IV) sinnvoll, wenn bereits eine relevante Kompression des Hirnstamms oder eine Liquorabflussstörung besteht und eine rasche Entlastung erforderlich ist.

Bei großen Tumoren kann auch ein kombiniertes Vorgehen sinnvoll sein: Der Tumor wird zunächst operativ verkleinert und ein verbleibender Resttumor anschließend radiochirurgisch behandelt.

Welche Behandlung im individuellen Fall die beste ist, sollte daher anhand der MRT-Bilder, des Hörvermögens und der persönlichen Situation interdisziplinär entschieden werden.

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