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Trigeminusneuralgie

Die Trigeminusneuralgie (TN) ist eine plötzlich einsetzende, extrem intensive, blitzartige Gesichtsschmerzerkrankung im Versorgungsgebiet des Nervus trigeminus (V. Hirnnerv). Sie gilt als eine der stärksten bekannten Schmerzerkrankungen – historisch trägt sie den Beinamen „Suicidal disease“, der die extreme Belastung für Betroffene verdeutlicht. Die Inzidenz beträgt etwa 4–5 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner im Jahr. Die Prävalenz liegt bei ca. 15–20 pro 100.000. Frauen sind häufiger betroffen als Männer (Verhältnis 1,7:1) mit einem Häufigkeitsgipfel ab dem 50. Lebensjahr.


Klassifikation nach ICHD-3
Klassische TN
  • Vaskuläre Kompression des Trigeminusnervs am Hirnstammeintritt, meist durch die Arteria cerebelli superior oder A. cerebelli inferior anterior
Sekundäre TN
  • Durch eine nachweisbare Ursache (Tumor, MS-Plaque, AVM) – muss mittels Bildgebung ausgeschlossen werden
Idiopathische TN
  • Kein Kompressionsbefund, keine sekundäre Ursache nachweisbar

Der Nervus trigeminus tritt aus dem Hirnstamm (Brücke/Pons) aus und verzweigt sich in drei Hauptstellen:

  • V1 (Ophthalmicus): Stirn, Auge, Nasenrücken
  • V2 (Maxillaris): Wange, Oberkiefer, Oberlippe, Nase
  • V3 (Mandibularis): Unterkiefer, Unterlippe, Kinn, vordere Zunge
Typische Auslöser
V1 (Ophthalmicus) ca. 5%
  • Stirn, Augenbereich, Nasenrücken Berühren der Stirn
V2 (Maxillaris) ca. 35%
  • Wange, Oberlippe, Gaumen, Nase
  • Kauen, Schlucken oder Berühren der Wange lösen Schmerzereignis aus
V3 (Mandibularis) ca. 20%
  • Unterkieferregion, Unterlippe, Zunge
  • Schmerzen ausgelöst durch Sprechen, Kauen, Zähneputzen
V2 + V3 kombiniert
  • ca. 40%

Die Trigeminusneuralgie betrifft in ca. 95 % der Fälle nur eine Seite des Gesichts. Beidseitige Schmerzen sollten immer an eine sekundäre Ursache (insbesondere Multiple Sklerose) denken lassen und eine umgehende MRT-Abklärung nach sich ziehen.

Anatomie Trigeminusneuralgie

Symptome und deren Entstehung

  • Plötzlich einsetzend, blitzartig (Sekunden bis maximal 2 Minuten)
  • Extrem intensiv, elektrisch, stechend, brennend
  • Strikt einseitig, im Versorgungsgebiet eines oder mehrerer Trigeminus-Äste
  • Schmerzfreie Intervalle zwischen den Attacken
  • Triggerbarkeit durch harmlose Reize
Typische Auslöser
  • Leichte Berührung der Wange, Oberlippe oder Nasenflügel
  • Kauen, Schlucken, Sprechen, Gähnen
  • Zähneputzen, Rasieren
  • Kalter Wind oder Kälte im Gesicht
  • Manchmal spontanes Auftreten ohne erkennbaren Trigger
Remissionsphasen

Oft Monate bis Jahre; typisch für die klassische TN

  • Im Verlauf häufig Verkürzung der Intervalle und Zunahme der Attackenfrequenz
Atypische TN
  • Zusätzlich anhaltender Hintergrundschmerz – schwieriger zu behandeln

Differentialdiagnose Zahnschmerz - Viele Patienten mit Trigeminusneuralgie werden zunächst als Zahnschmerzpatienten behandelt und erhalten (unnötige) Zahnextraktionen. Der Schlüssel zur korrekten Diagnose liegt im typischen Blitzschmerzcharakter und der Triggerbarkeit durch nicht-schmerzhafte Reize.

Diagnose

Die Diagnose der Trigeminusneuralgie ist primär eine klinische Diagnose- Die typische Schmerzanamnese (Charakter, Lokalisation, Trigger, Dauer) ist entscheidend.

Klinische Untersuchung
  • Mindestens 3 Schmerzanfälle
  • Einseitig, im Versorgungsgebiet des Nervus trigeminus
  • Blitzschmerzcharakter (Sekunden bis 2 Minuten)
  • Hohe Schmerzintensität
  • Durch harmlose Stimuli auslösbar
MRT-Diagnostik

Das MRT des Schädels mit hochauflösenden Sequenzen (CISS/FIESTA + T1 mit Kontrastmittel) ist die zentrale bildgebende Untersuchung

  • Darstellung des neurovaskulären Konflikts (Gefäß komprimiert Nervenwurzel am Hirnstammeintritt)
  • Ausschluss sekundärer Ursachen wie zB Tumoren, Meningeome, MS-Plaque, AVM
  • 3D-Rekonstruktion mit exakter Darstellung der Gefäß-Nerven-Beziehung
Ergänzende Diagnostik
  • Neurophysiologische Untersuchungen Trigeminale evozierte Potenziale – ergänzend bei diagnostischer Unklarheit
  • Zahnchrurgische/kieferchirurgische Untersuchung Ausschluss dentaler Ursachen
Neurologisches Konsil
  • Differenzialdiagnosen (Cluster-Kopfschmerz, SUNCT, Postzosterneuralgie, atypischer Gesichtsschmerz)

Behandlungsmöglichkeiten

Die Behandlung der Trigeminusneuralgie folgt einem Stufenschema – von konservativer medikamentöser Therapie bis hin zu interventionellen und neurochirurgischen Verfahren. Die Wahl des Verfahrens richtet sich nach dem TN-Typ, dem Allgemeinzustand des Patienten und dem Ansprechen auf Vortherapien.

Medikamentöse Therapie
  • Carbamazepin (70–80 % initial wirksam)
  • Oxcarbazepin (besser verträglich)
  • Lamotrigin, Gabapentin, •Baclofen als Ergänzung

Wirksamkeit nimmt im Verlauf oft ab- Nebenwirkungen (Schwindel, Müdigkeit, Hyponatriämie) limitieren die Langzeittherapie.

Mikrovaskuläre Dekompression (MVD)
  • Trennung des Gefäßes vom Nerv (Teflon-Interponat).
  • Höchste Langzeitremissionsraten (70–80 % nach 10 Jahren)
  • Nur bei klassischer TN mit nachgewiesenem Gefäßkonflikt
  • Risiken sind Hörverlust, Fazialisparese, Liquorfistel (<1–3 %)
Perkutane Rhizotomie
  • Perkutane Ballonkompression, Glyzerolinjektion oder Thermokoagulation des Ganglion Gasseri Ambulant in Sedierung ohne Allgemeinanästhesie
  • Sofortige Schmerzlinderung
  • Häufigeres Rezidiv als MVD
  • Taubheitsgefühl im Gesicht als typische Nebenwirkung
Radiochirurgie

CyberKnife / ZAP-X

  • Nicht-invasiv
  • 70–90 % initiale Schmerzlinderung; •Wirkungseintritt nach Wochen bis Monaten
  • Wiederholbar
  • Ambulant und ohne Narkose
  • Ideal bei erhöhtem OP-Risiko, Rezidiv oder MS-bedingter TN

CyberKnife & ZAP-X

Die Radiochirurgie nutzt eine präzise fokussierte Strahlendosis zur gezielten Beeinflussung des Trigeminusnervs an seinem Eintrittsbereich in den Hirnstamm (Root Entry Zone, REZ). Die Strahlung bewirkt eine kontrollierte, partielle Demyelinisierung des Nervs – mit dem Ziel, die pathologische Überaktivität der Schmerzfasern zu unterdrücken.

Sinnvoll bei:
  • Klassischer oder idiopathischer Trigeminusneuralgie
  • Unzureichender Wirksamkeit oder Unverträglichkeit medikamentöser Therapie
  • Erhöhtes OP-Risiko oder Ablehnung einer Operation
  • Rezidiv nach vorheriger Behandlung
  • Höheres Lebensalter oder Multimorbiditat
  • Trigeminusneuralgie bei Multipler Sklerose (MS)

Technisches Vorgehen

Das Zielvolumen bei der Radiochirurgie der Trigeminusneuralgie ist der Trigeminus-Nerv im Bereich seiner Wurzel (Root Entry Zone, ca. 3–5 mm hinter dem Hirnstammeintritt). CyberKnife und ZAP-X ermöglichen durch ihre Mehrfachwinkel-Technik eine hochpräzise Dosisapplikation ohne Rahmen-Fixierung. Kritische Strukturen (Hirnstamm, Cochlea) werden durch Dosislimitierungen konsequent geschützt.


Unser Behandlungskonzept

Detaillierte MRT-Diagnostik
  • Hochauflösende Sequenzen zur exakten Nervenlokalisation
  • Darstellung der Gefäß-Nerven-Beziehung

Interdisziplinäre Abklärung
  • Neurologie
  • Neurochirurgie
  • Strahlentherapie

Individuell abgestimmte Dosisplanung
  • Zielvolumen REZ
  • Schutz von Hirnstamm und Cochlea

Ambulante Durchführung
  • Nur eine Sitzung
  • Ca. 30–60 Minuten
  • Keine Narkose
  • Keine Rahmen-Fixierung

Verlaufskontrolle
  • Schmerzdokumentation
  • MRT-Kontrolle nach 6–12 Monaten

Bei Rezidiv
  • Wiederholungsbehandlung möglich
  • Reduzierte Dosis bei Vorbestrahlung

Behandlungsanfragen

Komplexer gewordene Therapiemöglichkeiten bedeuten, dass die Entscheidung für eine Therapie immer mit Blick auch auf Ihre individuelle Lebenssituation erfolgen sollte. Uns ist es wichtig, dass Sie sowie Ihre Angehörigen und Menschen, die Sie unterstützen und begleiten, alle Aspekte rund um Ihre Erkrankung und deren Therapieoptionen gut verstehen und für sich einordnen können.

Mit unserem Team stehen wir dafür, dass Sie sich von Anbeginn hier im ERCM gut aufgehoben fühlen. Für Behandlungsanfragen bitten wir Sie, das Kontaktformular zu verwenden. Sie erreichen uns außerdem telefonisch während unserer Öffnungszeiten oder auch über unsere Social Media Kanäle.

Ihre Anfrage wird individuell und schnell bearbeitet.

Häufige Fragen

Die Wirkung der CyberKnife-Behandlung tritt im Gegensatz zu Operation oder perkutaner Rhizotomie nicht sofort ein. Typischerweise beginnt die Schmerzlinderung nach 2–8 Wochen- manche Patienten sprechen aber auch erst nach 3–6 Monaten auf die Tgerapie an. In großen Studien berichten ~70–90 % der Patienten über eine deutliche oder vollständige Schmerzreduktion innerhalb der ersten 6 Monate. Diese verzögerte Wirkung ist ein wichtiger Aspekt bei der Patientenaufklärung.

Etwa 65 % der Patienten bleiben nach 5 Jahren schmerzfrei oder deutlich gebessert. Ein Teil der Patienten erlebt ein Wiederauftreten der Schmerzen (Rezidiv) – häufiger als nach einer mikrovaskulären Dekompression. Die Radiochirurgie hat dann den Vorteil, dass sie bei Bedarf wiederholt werden kann (Retreatment), mit ähnlich guten Ergebnissen.

Beide zielen auf eine Beeinflussung des Trigeminusnervs ab, unterscheiden sich aber grundlegend. Die perkutane Rhizotomie (Ballon-Kompression oder Thermokoagulation) wirkt sofort und wird unter kurzer Anästhesie durchgeführt, verursacht aber häufiger Taubheitsgefühle. Die Radiochirurgie ist völlig nicht-invasiv und ohne Narkose, wirkt aber etwas verzögert. Sie hat eine geringere Rate an Sensibilitätsstörungen. Beide Verfahren haben vergleichbare mittel- bis langfristige Erfolgsraten.

In der Regel nicht. Die medikamentöse Schmerztherapie wird während der Radiochirurgie fortgeführt. Nach Einsetzen der Wirkung (Wochen bis Monate nach der Behandlung) kann die Medikamentendosis schrittweise reduziert werden. Die Anpassung der Medikation erfolgt engmaschig in Absprache mit dem behandelnden Neurologen.

Bei Patienten mit Trigeminusneuralgie durch MS (sekundäre TN, verursacht durch MS-Plaque an der Trigeminuswurzel) ist die Radiochirurgie eine der besten verfügbaren Optionen, da die mikrovaskuläre Dekompression bei fehlender Gefäßkompression nicht indiziert ist. Die Ansprechraten sind ähnlich wie bei der klassischen TN (~70–80 %), allerdings mit etwas höherer Rezidivrate.

[1] Ahmadi, R., Tronnier, V. M., Operative Behandlung der Trigeminusneuralgie. Schmerz 2024.
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https://www.dgn.org/leitlinien

[3] Régis, J., Tuleasca, C., Resseguier, N., Carron, R., Donnet, A., et al., Long-term safety and efficacy of Gamma Knife surgery in classical trigeminal neuralgia: a 497-patient historical cohortstudy. J Neurosurg. 2016:124(4):1079-1087.
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[4] Laakso, S. M., Hekali, O., Kurdo, G., Martola, J., Sairanen, T., Atula, S., Trigeminal neuralgia in multiple sclerosis: Prevalence and association with demyelination. Acta Neurol Scand. 2020;142(2):139-144.
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[5] Ruscheweyh, R., Gierthmühlen, J., Hedderich, D. M., Goßrau, G., Leis MME, S., et al., Medikamentöse Therapie der Trigeminusneuralgie. Schmerz 2024;38:283-292.
https://link.springer.com/article/10.1007/s00482-024-00810-4

[6] Liang, C., Yang, L., Zhang, B., Li, R., Guo, S., 3D multimodal image fusion based on MRI in the preoperative evaluation of microvascular decompression: A meta-analysis. Exp Ther Medicine 2023;25:171-178.
https://www.spandidos-publications.com/10.3892/etm.2023.11870

[7] Pollock, B. E., Phuong, L. K., Foote, R. L., Stafford, S. L., Gorman, D. A., High-dose trigeminal radiosurgery associated with increased risk of trigeminal nerve dysfunction. Neurosurgery 2001;49(1):58-62.
https://journals.lww.com/neurosurgery/abstract/2001/07000/high_dose_trigeminal_neuralgia_radiosurgery.8.aspx

[8] Alvarez-Pinzon, A. M., Wolf, A. L., Swedberg, H. N., Barkley, K. A., Cucalon, J., et al., Comparison of Percutaneous Retrogasserian Balloon Compression and Gamma Knife Radiosurgery for the Treatment of Trigeminal Neuralgia in Multiple Sclerosis. World Neurosurg 2017;97:590-594.
https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S1878875016310166?via%3Dihub

[9] Romanelli, P., Conti, A., Redaelli, I., Martinotti, A. S., Bergantin, A., et al., Cyberknife Radiosurgery for Trigeminal Neuralgia. Cureus. 2019;11(10):e6014.
https://www.cureus.com/articles/23587-cyberknife-radiosurgery-for-trigeminal-neuralgia#!/